Wie ich als dicke Frau mein perfektes Fitnessstudio gefunden habe

Gastbeitrag von Nesvria, Gymiverse

Wie sahen deine Fitnesstrainer_innen bisher aus? Oder die Menschen auf Werbebildern für Fitnessstudios? Ich nehme an, die Antwort ist: schlank. Ich möchte dir die Geschichte erzählen, wie ich als dicke Frau mein perfektes, gewichtsinklusives Fitnessstudio gefunden habe – indem ich es gründete.

Wie sahen deine Fitnesstrainer_innen bisher aus? Oder die Menschen auf Werbebildern für Fitnessstudios? Ich nehme an, die Antwort ist: schlank. Ich möchte dir die Geschichte erzählen, wie ich als dicke Frau mein perfektes, gewichtsinklusives Fitnessstudio gefunden habe - indem ich es gründete.

Unsere Gesellschaft verbindet mit einem schlanken Körper viele positive Eigenschaften: Gesundheit, Fitness, Aktivität, Zufriedenheit, Attraktivität. Es ist also ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Fitnessstudio mit dicken Körpern Werbung macht. Diese Körperform wird als nicht erstrebenswert dargestellt, etwas, das geändert werden muss (→ Warum wir das Schönheitsideal überwinden müssen).

Fitnessstudios sind fettfeindliche Orte

Ich will das ändern! Ich bin eine dicke Fitnesstrainerin und habe die Erfahrung gemacht, dass allein die Präsenz meines Körpers schon dafür sorgt, dass mehrgewichtige Menschen sich wohler fühlen, ungezwungener sind und sich mehr zutrauen (→ Wo sind all die Dicken hin? | Übergewicht im öffentlichen Raum). Daran kannst du sehen: Mehr Diversität könnte für uns alle so wahnsinnig viel verändern, auch im Fitnessbereich.

Ich habe lange nach einem passenden Bewegungsangebot für mich gesucht und dabei etliche Fitnessstudios ausprobiert (→ Die Angst vor dem Fitnessstudio überwinden). Präsenzstudios habe ich nach zwei sehr traumatischen Erlebnissen komplett und für immer ausgeschlossen. Aber auch online begegnet uns permanent unsere dicken Körper abwertende Werbung wie Vorher-Nachher-Bilder und fettfeindliche Sprache:

„Zur Behandlung krankhaften Übergewichts ist das Online-Programm nicht geeignet“
„Perfekt für deine Traumfigur“
„Für sichtbare Veränderungen“
„Fit & schlank mit Online-Fitness bei…“
„Schlank in 10 Wochen“

Wir brauchen mehr Diversität im Sport

Wir werden immer und überall dazu angehalten, Gewicht, Maße und Kalorienverbrauch zu tracken. Natürlich gibt es auch oft gleich die „passenden“ Ernährungsprogramme, damit es mit dem Abnehmen auch ganz sicher klappt.

95% aller Diäten scheitern in den ersten ein bis fünf Jahren. Das ist seit Jahrzehnten durch Studien belegt (→ Wie Diäten dich dick und krank machen). In den Köpfen der Menschen ist es allerdings immer noch nicht angekommen. Und das liegt nicht zuletzt an der mangelnden Vielfalt.

Wir sehen tagtäglich in sämtlichen Medien ausschließlich normschöne Körper: schlank, jung, weiß, makellos. Wie sollen wir uns denn dann überhaupt vorstellen können, dass eine dicke Ballerina auf Spitze tanzt? Dass dicke Menschen attraktiv, gesund und erfolgreich sein können? Und wie sollen wir erdenken, dass eine dicke Frau Fitnesstrainerin ist?

Niemand findet mich sportlich

Du solltest mal die Blicke sehen, wenn ich auf die Frage nach meinem Beruf antworte. Manchmal amüsiert es mich, wenn ich ungläubig von oben bis unten gemustert werde. Dann kommt noch ein witziger Spruch von mir und alle finden mich lustig.

Niemand aber findet mich sportlich (→ Hör endlich auf, Sport auf der Waage zu beurteilen). Sie zweifeln meine Kompetenz an, erkundigen sich nach meinen Zertifikaten und wie lange ich das denn schon machen würde. Meistens macht mich das wütend. Müde. Ich habe es satt, mich erklären zu müssen, denn ein schlanker Mensch muss das nicht. Der Beruf würde nickend hingenommen werden. Vielleicht wird noch eine Frage dazu gestellt, aber dann geht es weiter zum nächsten Thema.

Ich bin dicke Fitnesstrainerin und habe mit Gymiverse ein gewichtsinklusives Online-Fitnessstudio für übergewichtige Menschen gegründet.

Die Vorurteile in den Köpfen der Menschen können wir nur brechen, wenn wir Vielfalt zeigen. Überall.

Mit Übergewicht gibt es im Fitnessstudio keine Alternativen

Zurück zu meiner Suche nach einem Bewegungsangebot: Wenn ich in Fitnessstudios – online oder offline – nicht direkt mit fettfeindlicher Werbung konfrontiert wurde, habe ich manchmal ein Probetraining gemacht. Und spätestens dann war es für mich vorbei.

Entweder begegnete mir durch die Trainer_innen fettfeindliche Sprache und sogar Vorwürfe oder mein Körper wurde gar nicht richtig miteinbezogen (→ 5 Tipps, wie du jeden Sport body-positiv gestalten kannst). War der Bauch im Weg, wurden mir keine alternativen Bewegungsabläufe vorgestellt. Stattdessen sollte ich die Übung auslassen, „wenn sie zu schwer ist“. Das vermittelte mir: Du bist nicht gut genug, wenn du nicht mitmachst.

Achte mal auf den Unterschied im folgenden Beispiel einer Dehnungsübung:

„Dann mach halt weniger, wenn du nicht so weit kommst.“

im Vergleich zu:

„Wenn du hier eine Dehnung verspürst, ist das perfekt, bleib genau so. Falls nicht, geh noch weiter hinein.“

Der erste Satz suggeriert dir, dass du weniger machen kannst, weil du nicht gut genug bist, die „richtige“ Übung zu machen. Die zweite Aussage ist wertfreier. Sie zeigt dir, dass jeder Körper anders ist und an einem anderen Punkt die gewünschte Dehnung spürt.

Deswegen ist niemand besser oder schlechter. Jede_r ist einfach individuell und hat individuelle Fähigkeiten, die nicht nur vom Trainingszustand abhängen, sondern vor allem von genetischen Faktoren und damit einhergehenden körperlichen Gegebenheiten (→ Du bist genug).

Die Gesundheit dicker Menschen wird gefährdet

Was mir beim Probetraining auch oft passiert ist: Ich musste abbrechen, weil meine Essstörung stark getriggert wurde. Dann sind Sätze gefallen wie „Und jetzt noch weiter, damit der Bauch schön flach wird“ (wahlweise auch mit prallem Po oder straffen Oberschenkeln) oder ich wurde angeheizt mit der Menge an Kalorien, die ich jetzt gerade verbrennen würde (→ Ich will nicht abnehmen).

Ich zog mir sogar eine ernsthafte Verletzung zu. Da ich durch meine zweite Schwangerschaft lange aus meiner üblichen Bewegung raus war, schlichen sich Probleme wie Rücken- und Knieschmerzen ein. Also begann ich mit extra knieschonendem Sport (→ Body-positiv mit Sport anfangen: Wie du mit Übergewicht den Einstieg schaffst). Dort wurde wortwörtlich gesagt: „Es gibt keinen Grund, Schmerzen zu empfinden, du kannst richtig durchpowern.“

Dabei verdrehte ich das Knie, es schmerzte ganz heftig. Als es nach zwei Wochen nicht besser wurde, ging ich zur Orthopädin und wurde nach Hause geschickt mit dem Rat, Gewicht zu verlieren. Drei Monate lang konnte ich keine Treppen laufen. Fast acht Monate bin ich auch auf gerader Strecke gehumpelt. Und auch jetzt schleicht sich der Schmerz bei viel Sport oder hoher Belastung der Knie immer wieder ein.

Wie ich als dicke Frau Fitnesstrainerin wurde

Fitnesstrainer_innen, die nicht aktiv gewichtsinklusiv arbeiten, schaden der Gesundheit mehrgewichtiger Menschen. Ich würde sogar behaupten: Immer!

Nach langer Suche und vielen abgebrochenen Trainings fasste ich einen Entschluss. Es gibt in Deutschland kein Fitnessstudio, in dem gewichtsinklusiv und wertfrei trainiert wird; wo man sich einfach wohlfühlen darf; bewegen kann, weil es einem Spaß macht; ohne am Ende zu denken, dass man nicht gut genug wäre. Alles klar, dann mach ich das jetzt!

Tatsächlich vergingen von der ersten Idee bis zur Eröffnung von Gymiverse nur knapp vier Monate. Die Trainer_innenlizenz war eine kleine Herausforderung [Link zu Sport & Wellness Akademie Via Vita]. Denn wenn man nach den Voraussetzungen für Fitnestrainer_innen sucht, findet man tatsächlich kaum Hinweise auf das Gewicht. Es entsteht der Eindruck, als wäre jedes Gewicht willkommen.

Denk deine Erfolge im Sport neu

Doch die Ausbildungsinhalte sprechen eine andere Sprache. Sie verweisen darauf, dass Kund_innen regelmäßig gewogen werden müssten, um Erfolge sichtbar zu machen. Dicken Menschen soll zusätzlich eine „gesunde“ Ernährung empfohlen werden (in vielen Fitnessstudios gibt es bereits Ernährungsberater_innen, die das auch sofort übernehmen). Außerdem soll man den Trainingsplan so anpassen, dass der Körper „optimiert“ wird.

Hier entsteht ganz deutlich der Eindruck, dass ein „gesunder“ Mensch auch einen gewissen BMI haben muss (→ Warum der Body-Mass-Index Unsinn ist). Aber ich wollte nur die Lizenz. Ich wusste ja, dass ich diese Inhalte in der Form niemals umsetzen werde.

Ich finde, Erfolge im Sport können anders gemessen werden. Wenn du dich mit Freude bewegst und dich währenddessen und danach glücklich fühlst, wenn du besser schlafen kannst, weniger Rückenschmerzen hast oder einfach schon Vorfreude auf das nächste Mal empfindest, obwohl du viele Jahre mit dem Thema Sport gestruggelt hast, dann sind das riesengroße Erfolge! (→ 10 Gründe, Sport zu treiben (die nicht abnehmen sind))

Intuitive Bewegung kannst du (wieder) erlernen

Aber vor allem die vermeintlich kleinen Dinge sollten wir wieder zu schätzen lernen (→ 7 Ideen, wie du die Freude an Bewegung (wieder)entdeckst). Hey, du hast nach Jahren ohne Sport heute vier Minuten zu deinem Lieblingslied getanzt? Großartig! Wie hast du dich dabei gefühlt? Es ist toll, dass du darüber reden kannst! Du hast mit deinen Kindern auf dem Boden gespielt, ohne darüber nachzudenken, dass du dann auch wieder aufstehen musst? Klasse, ihr hattet bestimmt eine spaßige Zeit! Du hast erkannt, dass es auch Bewegung ist, wenn du zu Fuß zum Einkaufen gehst? Ein toller Schritt, der dir vor Augen führt, dass Bewegung keine schlimme Erfahrung sein muss!

Intuitive Bewegung kannst du genauso erlernen wie intuitive Ernährung. Es ist für jede_n eine andere Herausforderung (→ Wie ich lernte, dass Sport mit Übergewicht Spaß macht). Mal schwerer und mal leichter, mit vielen Ups und Downs – aber der Weg lohnt sich.

Wenn wir Kinder beobachten, sehen wir, wie selbstverständlich sie sich bewegen, mit welcher Freude. Wir werden mit diesem Bewegungsdrang geboren. Man nimmt uns nur die Freude an Bewegung. Hol sie dir zurück – wenn und wann du das möchtest!

Nesvria von Gymiverse

Ich bin Jenny und seit 2019 als Fettaktivistin und Selbstliebeaktivistin auf Instagram unterwegs. Dabei stehe ich vor allem für mehr Realität auf Social Media und mehr Diversität in den Medien ein. 2021 machte ich meine Fitnesstrainer_innen-A-Lizenz und die Personal-Trainer-Lizenz (medical fitness) und eröffnete Anfang 2022 ein Online-Fitnessstudio, wo gewichtsinklusiv und wertfrei trainiert wird. Auf meinem Weg habe ich mich auf Sport mit Essstörung und vergangenen Traumen spezialisiert. Mit meiner Arbeit möchte ich erreichen, dass Menschen die natürliche Freude an Bewegung wiederfinden und lernen, sich im eigenen Körper wohlzufühlen.

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Titelfoto: Elena Kloppenburg
Beitragsbild / Video: Nesvria