• Gastbeitrag von Cecile Petry von Curvy Confidante •
Du meldest dich voller Motivation im Fitnessstudio an, gehst ein paar Mal hin – und irgendwann bleibt die Sporttasche doch wieder im Schrank liegen? Damit bist du nicht allein. Für viele mehrgewichtige Frauen ist Sport mit Scham, Leistungsdruck und negativen Erfahrungen verbunden. Doch wie durchbrechen wir diesen Teufelskreis? Der Schlüssel liegt nicht in mehr Disziplin, sondern in der Art deiner Motivation. Erfahre in diesem Beitrag, wie du eine Form der Bewegung findest, bei der du dranbleibst.

Das Wichtigste auf einen Blick:
- Viele mehrgewichtige Frauen empfinden Scham und Leistungsdruck im Sport, was oft zu einer negativen Einstellung führt.
- Die Motivation zum Sport resultiert häufig daraus, bestimmte Gefühle oder Meinungen zu vermeiden.
- Ein Perspektivwechsel der Sport-Motivation von Vermeidungszielen zu Annäherungszielen kann die Freude an Bewegung steigern.
- Dafür ist es wichtig, die eigene Sport-Motivation zu hinterfragen, um dauerhaft motiviert zu bleiben.
Warum Sport für mehrgewichtige Frauen oft mit Scham verbunden ist
Die wertenden Blicke in der Umkleidekabine. Das unangenehme Gefühl im Freibad, von allen angeschaut zu werden (→ Wie du aufhörst, dich ständig beobachtet zu fühlen). Die erste zu sein, die aus der Puste ist. Die Letzte zu sein, die beim Schulsport in die Mannschaft gewählt wurde.
Sport ist für viele mehrgewichtige Frauen mit negativen Erfahrungen und Emotionen verbunden. Oft ging es in der Kindheit schon los. Kommentare am Familientisch, Beiträge bei Social Media, Diätdruck oder eigene Vergleiche mit anderen tragen diese Gefühle bis ins Erwachsenenalter. Und doch haben wir uns alle schon einmal in der Situation wiedergefunden, einen Vertrag im Fitnessstudio zu unterschreiben. Doch warum tun wir uns das eigentlich an?
Gemeinsam schauen wir uns in diesem Beitrag aus psychologischer Sicht an, warum du dich bewegst oder bewegen möchtest und was deine tiefergehende Motivation ist. Denn dein persönliches Warum hängt ganz eng damit zusammen, wie du dich fühlst und ob Sport beziehungsweise Bewegung für dich Lust oder Leiden ist (→ Body-positiv mit Sport anfangen: Wie du mit Übergewicht den Einstieg schaffst).
Warum gehst du nur ein paar Mal ins Fitnessstudio und gibst dann auf?
Hast du dich schon einmal im Fitnessstudio angemeldet und bist nach ein paar Monaten nicht mehr hingegangen? Hast mit Joggen angefangen oder warst ein paar Mal beim Bauch-Beine-Po-Kurs? Wenn ja, hast du dich je gefragt, warum du das eigentlich machst? Warum quälen wir uns zum Sport?
Der erste Impuls ist oft: Naja, damit ich etwas für mich und meinen Körper tue (→ Risikofaktor Übergewicht? Macht Mehrgewicht krank?). Spüre noch einmal in dich hinein. Tieferliegende Gründe könnten möglicherweise auch sein:
- Um beim Treppensteigen nicht gleich aus der Puste zu sein
- Um mit Kolleginnen und Kollegen beim Spaziergang mithalten zu können
- Damit die Neujahrsvorsätze nicht gleich über Bord gehen (→ 6 body-positive Vorsätze (und keine Diät!))
- Um Scham oder ein schlechtes Gewissen zu vermeiden, weil du schon zwei Wochen nichts gemacht hast
- Damit andere dich nicht für unsportlich halten
- Um dir zusätzliche Kalorien zu erarbeiten, damit die (neue) Diät nicht scheitert (→ Alle Diäten funktionieren! Was uns Diätstudien verraten)
Die Psychologie hinter der Motivation: Was sind Vermeidungsziele?
All diese Motive lassen sich psychologisch zusammenfassen als sogenannte Vermeidungsziele. Die Motivation, sich zu bewegen, rührt daher, bestimmte Gefühle, Situationen oder Zustände zu vermeiden.
Nehmen wir zur Veranschaulichung ein konkretes Beispiel: Sport ist dazu da, dass eine Diät funktioniert. Damit werden Diät und Bewegung unweigerlich miteinander verbunden. Auf dem Crosstrainer fängst du an zu beobachten, wie die verbrannten Kalorien nach oben klettern, beim Schwimmen spürst du, wie dein Bauch sich anfühlt und dass er flacher sein könnte, oder beim Spaziergang wählst du die längere Route, damit du mehr Schritte machst. Gedanken und Entscheidungen konzentrieren sich auf das übergeordnete Ziel der Diät. Sobald die Diät vorbei ist oder die Pfunde einfach nicht mehr so purzeln wollen, wie du willst, nimmt auch der Gang zum Fitnessstudio sein jähes Ende (→ Warum du einfach nicht abnehmen kannst und der Jo-Jo-Effekt immer wiederkommt).
Deshalb spreche ich von nun an auch von „Bewegung“ statt „Sport“. Der Begriff Sport wird vielfach von der Fitnessindustrie verwendet, ruft bei vielen Mehrgewichtigen durch oben beschriebene Erfahrungen negative Assoziationen hervor und wird daher mit Leistung und Druck in Verbindung gebracht (→ Hinter dem #healthylifestyle: Wie die Wellnessindustrie Fettfeindlichkeit als Gesundheit tarnt). Der Begriff Bewegung ermöglicht uns einen neutraleren Blick und ebnet den Weg für einen neuen Blickwinkel.
Zeit für einen Perspektivwechsel: Der Zauber der Annäherungsziele für mehr Freude an Bewegung
Den Vermeidungszielen gegenüber stehen sogenannte Annäherungsziele. Anstatt Situationen oder Gefühle zu vermeiden, gibt es die Chance, sich positiven Situationen und Gefühlen anzunähern. Konkret kann das bedeuten:
- Die Yoga-Stunde ist dein Pause-Knopf vom Alltag und deine Zeit, um den Kopf frei zu kriegen (→ Curvy Yoga – dein Weg zu Body Positivity)
- Du gehst mit Freundinnen wandern und hast einen wundervollen Tag mit intensiven Gesprächen
- Im Sommerurlaub probierst du Stand-up-Paddle aus und machst eine völlig neue Erfahrung
- Im Freibad bekommst du eine Abkühlung an einem heißen Tag und die Freibad-Pommes sind ein Flashback in längst vergangene Kindheitstage (→ Selbstbewusst in Badeanzug und Bikini)
- Beim Tanzkurs mit deinem Partner oder deiner Partnerin verbringt ihr eine tolle Zeit und intensiviert eure Beziehung
Das hört sich so leicht an? Ja, weil der Fokus sich verändert. Anstatt dich auf das zu fokussieren, was du vermeiden möchtest, konzentrierst du dich auf das gute Gefühl, das dich erwartet. Es geht bei Bewegung plötzlich nicht mehr darum, die Diät durchzuhalten, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden oder sich zu disziplinieren. Sondern darum, die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen (→ Sei lieb zu dir!). Und sich ganz nebenbei auch noch zu bewegen.
Verrückter Gedanke: Bewegung darf sich gut anfühlen!
Und was machst du jetzt mit deiner Mitgliedschaft im Fitnessstudio, deinem Bauch-Beine-Po-Kurs, deinem Schrittzähler? Es kommt darauf an. Wenn du heute schon eine Bewegung in deinen Alltag integriert hast, die deinen Bedürfnissen entspricht, wunderbar! Du gehst gerne hin, du kommst mit einem Glücksgefühl nach Hause, kriegst deinen Kopf frei, hast deine Me-Time in der Woche. Genieße die Bewegung und die Zeit für dich! (→ Wie ich als dicke Frau mein perfektes Fitnessstudio gefunden habe)
Wenn du dich aber jedes Mal überwinden musst, deine Tasche zu packen, irgendwie immer das Gefühl hast, „zu wenig“ zu machen, oder einfach erleichtert bist, wenn du es hinter dir hast, dann ist es vielleicht ein guter Zeitpunkt zu hinterfragen, was deine Sport-Motivation ist (→ Die Angst vor dem Fitnessstudio überwinden). Und welche Bewegung im Alltag dir ganz persönlich einen Mehrwert bietet.
Spaß, Freude, Gemeinschaft, Erholung – all das darf Bewegung für dich sein. Für dich ganz persönlich. Falls du das in deinem aktuellen Alltag nicht hast, dann wird es vielleicht Zeit, sich auf den Weg zu machen und etwas Neues zu finden (→ 7 Ideen, wie du die Freude an Bewegung (wieder)entdeckst).

Mein Name ist Cecile Petry, Gründerin von Curvy Confidante. Ich verbinde Ernährung mit Psychologie.
Als mehrgewichtige Frau weiß ich, wie es ist, von Diäten erschöpft zu sein. Deshalb begleite ich Frauen dabei, ihr Essverhalten zu verstehen, anstatt ihm mit Kritik und Scham zu begegnen. Gleichzeitig zeige ich in meinen Yoga-Stunden, dass jede Frau ihre Balance zwischen Körper und Geist finden darf.

Titelfoto: Getty Images (Symbolbild mit Model)
Porträt Cecile Petry: privat






