Massage mit Übergewicht: „Sie sind zu fett, da komm ich nicht durch“

Massage mit Übergewicht: Sie sind zu fett, da komme ich nicht durch

Gastbeitrag von Heilpraktikerin Julia Perschke

Immer wieder kommen in meine Praxis beleibtere Damen und Herren, die diesen oder ähnliche Sprüche zu hören bekommen haben. Sie sind dann unsicher, ob eine Massage ihnen überhaupt hilft und ob ich denn „überhaupt da durchkommen würde“.

Immer wieder kommen in meine Praxis beleibtere Damen und Herren, die diesen oder ähnliche Sprüche zu hören bekommen haben. Sie sind dann ganz unsicher, ob eine Massage ihnen überhaupt hilft und ob ich denn "überhaupt da durchkommen würde".

Ja, tue ich.

Ich bin Heilpraktikerin und verdiene mein Geld hauptsächlich mit Massagen und Körperarbeit sowie mit der Behandlung von Schmerzen im Bewegungsapparat. Ich liebe es, Leute zu behandeln, die von der Gesellschaft ausgegrenzt oder gar ganz aufgegeben wurden. Mut machen gehört zu meinem Job. Inspirationen dazu bekomme ich übrigens gerne über Marshmallow Mädchen.

Kathrin und ich haben über das Thema dicke Menschen und Massage gesprochen und so kam die Idee für diesen Gastbeitrag zustande.

Masseure, die Dicke ausgrenzen, haben den Beruf verfehlt

Ein Masseur oder Therapeut (m/w/d), der solche Sprüche loslässt, hat für meine Begriffe den falschen Beruf ergriffen. Therapeutische Berufe, mehr als die meisten anderen, sollten eher Berufung statt bloße Arbeit sein. Man sollte meinen, dass Therapeuten als Menschen doch etwas feinfühliger sind als andere.

Es ärgert mich zutiefst, dass Menschen, die zu mir kommen, immer wieder von solchen Fauxpas meiner wertgeschätzten Kollegen erzählen. Wer nicht bereit ist, ordentlich zu arbeiten, egal wer vor einem steht, der ist sehr unprofessionell. Jeder Mensch, egal ob dick oder dünn, zufrieden mit seiner Figur oder nicht, ist es wert, gut behandelt zu werden (→ So kannst du dich gegen Body Shaming wehren).

Dicke Menschen empfinden bei Massagen genauso viel wie dünne

Die Haut eines dicken Menschen ist genauso beschaffen wie die eines dünnen. Dort gibt es Haare, Talg- und Schweißdrüsen, Haarmuskeln, Blutgefäße, Nervenzellen, Poren und Bindegewebe. Über die Nerven und Blutgefäße ist die Oberhaut mit dem darunterliegenden Gewebe verbunden. Sonst würden wir auch keinen Druck, keine Hitze, keinen Schmerz empfinden können. Auch Hormone, Neurotransmitter und Nährstoffe gelangen auf diesen Wegen zur Haut und wieder zurück ins Innere unseres Körpers.

Bei einer Massage muss ich bei dicken Menschen nicht mehr Kraft aufwenden als bei dünnen. Über die Nerven und über Reflexfelder bekommt der Körper einen Impuls. Wenn der richtig gesetzt ist, läuft die Behandlung fast schon von alleine. Klar, schlimme Verspannungen gehen nicht gleich bei der ersten Massage weg und es tut oft genug weh, die Verklebungen zu lösen. Aber der Effekt ist da, der Körper merkt: Da passiert etwas.

Ich kann auch nicht behaupten, dass dicke Menschen schmerzunempfindlicher wären als dünne. Wir haben alle die gleichen Nerven in praktisch der gleichen Anzahl. Wieviel Schmerz oder Druck der einzelne aushält, ist einfach etwas ganz Individuelles.

Keine Angst vor Massagen mit Übergewicht

Also warum sollte es dann schwerer sein, einen dicken Menschen ordentlich durchzukneten als einen dünnen? Wegen der Fettschicht?

Nein. Meine Erfahrung zeigt, dass das nicht stimmt. Die Nerven leiten die gleichen Impulse weiter. Und der Druck und Zug in der Massage ist der gleiche, der die Muskeln und Faszien auffordert, sich zu bewegen, sich besser durchbluten zu lassen, und der die Verklebungen löst. Das zwischen Haut und Muskel gelagerte Fett tut dabei praktisch nichts zur Sache.

Zugegeben, als ich mit den Massagen und der Körperarbeit anfing und das erste Mal einen großen, beleibten Herren massieren sollte, war mir auch etwas mulmig. Ich hatte Gedanken wie „Was mache ich nur mit dem? Wie soll ich da nur durchkommen?“. Aber ich habe es zumindest nicht laut ausgesprochen.

Dieser Mann erwies sich allerdings als äußerst empfindsam. Wo es seiner dünneren Frau nicht kräftig genug sein konnte, war er mit einem (nach meinem Empfinden) sehr kräftigen Streicheln als Massage äußerst zufrieden. Das wurde so kommuniziert und war dann auch in Ordnung. Seine Muskeln wurden auch mit weniger Druck weicher – trotz der dickeren Fettschicht unter seiner Haut.

Ich habe mich meinen Ängsten, nicht gut oder stark genug zu sein, gestellt. Ich habe es versucht, und siehe da, es ging. – Dieser Mann wurde übrigens einer meiner ersten Stammkunden.

Massagen sind individuell

Am Anfang war ich aber nicht nur bei dicken Menschen unsicher, wie ich mit ihnen umgehen soll während der Massage. Es kam zum Beispiel auch einmal eine sehr alte Dame zu mir, die praktisch nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Bei ihr hatte ich Gedanken wie „Was mache ich nur mit der? Wo soll ich denn da auch nur einen Muskel finden, den ich massieren kann? Ich werde ihr wehtun!“. Auch das habe ich nicht laut ausgesprochen, sondern mich auf die Situation eingelassen und mich an den Körper herangetastet. Und siehe da, auch das ging.

Ich arbeite seit nunmehr fünf Jahren als Heilpraktikerin und ganz egal wer auf der Massagebank vor mir liegt, jeder erhält meinen Respekt und mein Können im gleichen Maße. Bei der Massage und Körperarbeit geht es schließlich nicht nur darum, Muskeln zu lockern oder Schmerzen zu lindern, sondern auch um Berührung. Diese spüren wir, egal ob wir dick oder dünn sind, groß oder klein, alt oder jung, bei einer Massage oder sonstwo.

Lasst euch nicht davon abhalten, zu einer Massage oder Körperarbeit zu gehen oder irgendetwas anderes zu tun, das euch guttut, nur weil ihr vielleicht mal einen blöden Spruch kassiert habt (→ Fat Shaming: Wie man mit Beleidigungen umgeht). Es ist euer Leben, das ihr gut gestalten wollt. Und wenn ein Therapeut euch nicht die Behandlung gibt, die ihr braucht und die euch zusteht, dann geht ihr einfach woanders hin.

Julia Perschke ist seit 2013 Heilpraktikerin aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen. Mit der Gründung ihrer Heilpraxis "Schlange und Besen" in Berlin erfüllte sie sich einen lange gehegten Traum. Sie nimmt sich viel Zeit zum Zuhören und vereint körperliche mit spiritueller Behandlung. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich der ganzheitlichen Massage, Pflanzenheilkunde sowie in strukturierter Problemlösung.Julia Perschke ist seit 2013 Heilpraktikerin aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen. Mit der Gründung ihrer Heilpraxis „Schlange und Besen“ in Berlin erfüllte sie sich einen lange gehegten Traum. Sie nimmt sich viel Zeit zum Zuhören und vereint körperliche mit spiritueller Behandlung. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich der ganzheitlichen Massage, Pflanzenheilkunde sowie in strukturierter Problemlösung. Du findest Julia außerdem auf Facebook und Instagram sowie auf ihrer Homepage www.schlange-und-besen.de.

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Titelfoto: Body Liberation Photos

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