Die unsichtbare Plus-Size-Kundin

Kleidergrößen jenseits der 42 sind die Norm, nicht die Ausnahme. Warum sehen wir diese Größen dann nicht auf den Laufstegen und Kleiderstangen? Warum ist die Plus-Size-Kundin unsichtbar? Marshmallow Mädchen wirft einen Blick hinter die Kulissen der Modeindustrie.

Kleidergrößen jenseits der 42 sind die Norm, nicht die Ausnahme. Warum sehen wir diese Größen dann nicht auf den Laufstegen und Kleiderstangen? Warum ist die Plus-Size-Kundin unsichtbar? Marshmallow Mädchen wirft einen Blick hinter die Kulissen der Modeindustrie.

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Plus Size ist „Normal Size“

Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland trägt mindestens Größe 42 [Link zu Statista]. Der Trend ist zudem seit Jahrzehnten eindeutig: Sowohl Frauen als auch Männer entwickeln stärkere Figuren.

Bei der letzten Reihenmessung der deutschen Bevölkerung im Jahr 2009 durch das Hohenstein Institute hat sich gezeigt, dass Frauen im Vergleich zur letzten Messung 1980 sowohl an Brust- (2,3 cm) und Taillen- (4,1 cm) als auch an Hüftumfang (1,8 cm) zugenommen haben [Link zu „Passend für jede Zielgruppe: Fakten und Hintergründe zu den Konfektionsgrößen in Deutschland“].

Wenn die Plus-Size-Kundin (→ Was ist Plus Size? – Eine Definition) also längst die Norm-Kundin ist, warum ist ein Modeeinkauf für Frauen mit großen Größen dann in den meisten Fällen ein frustrierendes und teilweise erniedrigendes Erlebnis? Für sie lohnt sich der Weg in die Fußgängerzone oft erst gar nicht. Im Junge-Mode-Segment reichen die angebotenen Größen in der Regel bis 42; die Erwachsenenmode geht in der Standardkollektion bis 46/48.

Plus Size ist ein Milliardenmarkt

Das Wissen um Körpermaße ist auch für andere Industrien interessant. Vom Sessel über den Autositz bis zum OP-Tisch – all das muss sich unserer Größe anpassen [Link zu Süddeutsche Zeitung].

Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland trägt mindestens Größe 42. | Zitat | Body Positivity und Selbstliebe | Marshmallow Mädchen

Doch vor allem die Modeindustrie ist sehr behäbig, wenn es ums Anerkennen der Ist-Zustände geht. Das Plus-Size-Segment ist ein bisher wenig ausgeschöpfter Milliardenmarkt [Link zu Edition F].

Dabei sind Plus-Size-Kundinnen ausgehungert nach aktueller und variantenreicher Mode in passenden Größen. Bei so ziemlich allen Unternehmen, die große Größen in ihr Angebot aufnehmen, mausern sich diese zügig zum am schnellsten wachsenden Segment [Link zu Fashion United].

Kosten von Plus Size

Dennoch ist Plus-Size-Kleidung nicht nur selten, sondern auch teuer. Häufiger Einwand gegen eine Große-Größen-Kollektion von Herstellerseite sind die Kosten. Denn natürlich braucht ein größeres Kleidungsstück mehr Stoff als ein kleineres.

Diese Fotos der body-positiven Designerin Mallorie Dunn von Smart Glamour zeigen die Menge an Stoff, die nötig ist, um aus einer XL eine 5XL zu machen. Sie fragt berechtigterweise, ob diese Stoffbahnen es wert seien, den Großteil der Bevölkerung nicht zu bedienen.

In der Standardkollektion kostet eine 36 genauso viel wie eine 46. Die Gesamtkosten einer Kollektion werden in der Regel gleichmäßig auf alle angebotenen Größen verteilt. Dass das auch bei einer Größenspanne von 32 bis 56 möglich ist, zeigt der Modehändler Bonprix, der schon früh mit „Alle Größen ein Preis“ geworben hat. Das Hamburger Unternehmen zählt zu den Top-10-Versandhändlern in Deutschland und hat weltweit 30 Millionen Kund_innen in 30 Ländern.

Werden in eine Kollektion größere Größen aufgenommen, macht der Preisunterschied in den kleineren Größen nur ein paar Cent aus [Link zu „The mysterious case of the plus-size clothing consumer“].

Mode muss sich endlich an der Realität orientieren

Ein weiterer Einwand der Modebranche gegen Plus-Size-Inklusion ist, dass größere Körper weniger „einheitlich“ sind als kleinere. Das ist korrekt: Mit zunehmendem Körpervolumen nimmt die Homogenität der Körperproportionen ab; das hat auch die Reihenvermessung des Hohenstein Institutes bestätigt. Frauen mit kleineren Größen weichen untereinander nur wenig in ihren Proportionen ab, während dicke Frauen mal zu mehr Hüfte, mal zu mehr Busen, mal zu mehr Hintern tendieren.

Aber ist das wirklich ein Problem? Für diese Figurtypen braucht es lediglich geeignete Schnitte. Diese gibt es allerdings kaum. Und zwar nicht, weil sie schwierig herzustellen wären, sondern weil dicke Menschen – wie so oft in der Forschung – in den vergangenen Reihenmessungen nicht gesondert berücksichtigt worden sind (→ Glorifiziert Body Positivity Übergewicht?). Es fehlte also bisher schlichtweg an Informationen anhand derer man Schnitte hätte erstellen können.

Wenn eine Plus-Size-Kundin ein Bekleidungsgeschäft betritt, teilt ihr das Fehlen ihrer Größe nur eines mit: Wir wollen dich hier nicht. | Zitat | Body Positivity und Selbstliebe | Marshmallow Mädchen

In der Folge heißt das, dass für Plus-Size-Kollektionen einfach die Schnittmuster der kleinen Größen hochskaliert werden. Wegen der Proportionsvielfalt ist die Passform für große Größen oftmals miserabel.

Plus Size lohnt sich

Tatsächlich ist eine Plus-Size-Linie für Hersteller nur eine weitere Kollektion [Link zu Racked]. Der finanzielle und technische Aufwand ist mit der Aufnahme jedes neuen Segments (Kinder, Petite, Lang- und Kurzgrößen etc.) in ein bestehendes Angebot vergleichbar: Forschung zur Schnitt- und Größenentwicklung, entsprechende (Fitting-)Models, Herstellung und Marketing.

Die Investition und der Aufwand lohnen sich. Wie das Hohenstein Institute berechnet hat, werden mit den gängigen Schnitten für die Konfektionsgrößen 32 bis 60 lediglich 33 Prozent des Marktes abgedeckt. Bezieht man die zusätzlichen Figurtypen „schmalhüftig“ und „starkhüftig“ mit ein, erreicht man eine Marktabdeckung von über 75 Prozent.

Warum gibt’s also kein Plus Size?

Wirtschaftlich ist das Bedienen der Plus-Size-Kundinnen mehr als lohnenswert. Dennoch bleibt das Angebot im Große-Größe-Bereich mäßig.

Von den rund 300 Marken auf der New York Fashion Week bietet lediglich ein Zehntel seine Kollektionen bis Größe 42 an. Nur fünf Prozent haben Konfektionsgrößen von 48 oder größer im Angebot. Im Luxussegment macht Plus Size gar nur 0,1 Prozent aus [Link zu „The mysterious case of the plus-size clothing consumer“].

Die Modeindustrie will an dicken Kundinnen verdienen, aber sie will uns weder sehen noch sichtbar machen. | Zitat | Body Positivity und Selbstliebe | Marshmallow Mädchen

Wenn das Problem also nicht ökonomischer Natur ist, was ist dann der Grund für fehlende Plus-Size-Mode? Die Hauptursache scheint schlicht und ergreifend die Ablehnung dicker Körper zu sein. Viele namhafte Designer weigern sich etwa, Plus-Size-Stars einzukleiden [Link zu VIP.de], weil sie ihre Mode nicht mit dicken Menschen in Verbindung gebracht haben möchten (→ Hau ab, du fette Sau! (Fat Shaming)).

Plus-Size-Kundinnen müssen draußen bleiben

Ein ähnliches Bild zeichnet sich in unseren Fußgängerzonen und Einkaufszentren ab: Dicke sind in den Geschäften nicht gewollt.

Berühmtestes Fallbeispiel für diese Einstellung ist der ehemalige Abercrombie&Fitch-Boss Mike Jeffries, der „keine dicken Menschen in seinen Shops einkaufen sehen will; er möchte dünne und schöne Leute“. Es bereite ihm Sorgen, wenn Kunden seine Kleidung an weniger attraktiven Menschen sähen [Link zu Süddeutsche Zeitung].

Auch Geschäfte wie H&M, Mango oder Vero Moda, die allesamt erfolgreiche Plus-Size-Kollektionen anbieten, verbannen diese aus ihren Filialen in die Onlineshops. Die Firmen begründen diesen Schritt damit, dass der stationäre Absatz von Plus-Size-Kleidung nicht ertragreich genug wäre. Plus-Size-Kundinnen würden vermehrt online einkaufen [Link zu Die Presse].

Der Plus-Size-Teufelskreis

Während im stationären Handel die oberen erhältlichen Größen oftmals die Verkaufsschlager sind, übertrumpfen die großen Größen im Onlinehandel diese Absatzzahlen sogar noch [Link zu Racked]. Der Bedarf ist da. Warum spiegelt sich das also nicht in den Geschäften vor Ort? Ist daran wirklich die Plus-Size-Kundin schuld?

Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland trägt mindestens Größe 42. | Zitat | Body Positivity und Selbstliebe | Marshmallow Mädchen

Eine Umfrage von „Refinery 29“ unter 100 Plus-Size-Kundinnen in Großbritannien zeigt tatsächlich, dass 89 Prozent Kleidung hauptsächlich online kaufen. Das tun sie aber nur deshalb, weil ihre Größen im stationären Handel nicht verfügbar sind. 90 Prozent der Befragten geben an, gerne vor Ort einkaufen zu wollen, wenn sie wüssten, dass ihre Größe vorhanden ist.

Wir wollen keine Dicken

Für die Plus-Size-Kundin sind Fußgängerzone und Einkaufszentrum nicht attraktiv. Während eine Frau mit sogenannter Standardgröße fröhlich von Shop zu Shop hüpfen kann, finden Frauen mit Größen jenseits einer 48 nur gelegentlich passende Kleidung und dann oftmals auch nur einzelne Teile (→ Wo finde ich hübsche Mode in großen Größen?).

Blicken wir in eine typische deutsche Fußgängerzone mit ihrer Auswahl an Plus-Size-Kleidung: C&A, Ulla Popken und eventuell eine kleinere Boutique, die größere Größen im Sortiment hat. Wenn eine Plus-Size-Kundin ein Bekleidungsgeschäft betritt, teilt ihr das Fehlen ihrer Größe nur eines mit: Wir wollen dich hier nicht.

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Und der stationäre Handel gibt wirklich ihr die Schuld, wenn sie ihn meidet? Liebe Modebranche, ihr könnt dicken Frauen nicht permanent sagen, dass sie wertlos und unerwünscht sind, und dann erwarten, dass sie eure überteuerte, nicht sitzende Plus-Size-Kleidung kaufen.

Die unsichtbare Plus-Size-Kundin

Online bietet sich ein etwas besseres Bild: Hier wächst das Angebot an Mode in großen Größen stetig. Vor zwanzig Jahren noch herrschte gähnende Leere. Es gab schlicht keine (Auswahl an) Plus-Size-Kleidung.

Doch ist die Plus-Size-Kundin hier Königin? Für Unternehmen, die sich auf große Größen spezialisiert haben, lautet die Antwort glücklicherweise: Ja! Plus-Size-Labels wie Ulla Popken und Yours Clothing bieten ihr auf die Bedürfnisse dicker Kundinnen zugeschnittenes Sortiment nicht nur bis Größe 68 an, sondern präsentieren es auch an Plus-Size-Models.

Das ist allerdings nicht der Standard. Der Plus Size Brand Index der Modeplattform Wundercurves hat 50 bekannte Onlineshops untersucht, die Plus-Size-Mode anbieten. Fast die Hälfte der Shops zeigt die Kleidung nicht an authentischen Models. (→ Interview mit Nane und Tiffany von Wundercurves)

Der Plus Size Brand Index der Modeplattform Wundercurves hat 50 bekannte Onlineshops untersucht, die Plus-Size-Mode anbieten. Fast die Hälfte der Shops zeigt die Kleidung nicht an authentischen Models.
Foto: Wundercurves Plus Size Brand Index

Online sind große Größen zwar erhältlich, aber auch hier bleibt die Plus-Size-Kundin vielfach unsichtbar. Obwohl Plus Size die Norm ist, wird weiterhin suggeriert, nicht-schlanke Körper seien eine Nische, ein Einzelverschulden und fehlerbehaftet (→ Warum werden wir dick?).

Friss, Vogel, oder stirb!

Die Modeindustrie will an dicken Kundinnen verdienen, aber sie will uns weder sehen noch sichtbar machen (→ Wo sind all die Dicken hin? | Übergewicht im öffentlichen Raum). Sowohl im stationären Handel als auch in Onlineshops bleibt die Plus-Size-Kundin zumeist unsichtbar.

Wegen mangelnder Repräsentation werden potenzielle Kundinnen gar nicht erst abgeholt. Fehlende Beratung und Vorbilder (Bilder!) führen dazu, dass Plus-Size-Frauen überhaupt keinen Zugang zu Mode finden (→ 5 Tipps, wie du zur Plus-Size-Fashionista wirst). Während die Gesellschaft ihnen vorwirft, „nichts aus sich zu machen“, verwehrt sie ihnen zeitgleich alles, mit dem sie das ändern könnten.

Doch Plus-Size-Kundinnen sind keine Minderheit. Warum es dennoch als sinnvoll angesehen wird, Kleidung so zu produzieren, dass sie einen Großteil der Gesellschaft ausschließt, ist einzig und allein auf Dickenfeindlichkeit (Fettphobie) und Gewichtsdiskriminierung zurückzuführen. Es gibt keinen anderen Grund, diesen Milliardenmarkt nicht zu bedienen (→ Warum wir das Schönheitsideal überwinden müssen).

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Titelfoto: Body Liberation Photos
Beitragsbild 1: Priscilla Du Preez on Unsplash
Beitragsbild 2: Smart Glamour
Beitragsbild 3: Korie Cull on Unsplash
Beitragsbild 4: Eduardo Gorghetto on Unsplash
Beitragsbild 5: Nicolas Ladino Silva on Unsplash
Beitragsbild 6: Wundercurves

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