Wo sind all die Dicken hin? | Übergewicht im öffentlichen Raum

Wo sind all die Dicken hin?


Gesundes Leben

Obwohl mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland übergewichtig ist, erspäht man Dicke in sozialen Umgebungen selten. Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Antwort darauf liefert, wie wir Übergewicht im öffentlichen Raum wahrnehmen. Marshmallow Mädchen geht anhand eigener Erfahrungen und wissenschaftlicher Forschungsergebnisse der Frage nach, wo all die Dicken hin sind und zeigt Möglichkeiten, wie du dich mit Übergewicht in der Öffentlichkeit wohler fühlen kannst.

Obwohl mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland übergewichtig ist, erspäht man Dicke in sozialen Umgebungen selten. Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Antwort darauf liefert, wie wir Übergewicht im öffentlichen Raum wahrnehmen. Marshmallow Mädchen geht anhand eigener Erfahrungen und wissenschaftlicher Forschungsergebnisse der Frage nach, wo all die Dicken hin sind und zeigt Möglichkeiten, wie du dich mit Übergewicht in der Öffentlichkeit wohler fühlen kannst.

Wo sind all die Dicken hin?

Obwohl in Deutschland etwa 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen als übergewichtig gelten - dabei jeweils ca. 24 Prozent als adipös (BMI über 30 → Warum der Body-Mass-Index Unsinn ist) -. erwische ich mich öfter bei dem Gedanken, dass ich mal wieder die einzige Dicke beim Yoga, im Kino oder beim Tanzen bin.

Auf der Straße begegnen mir viele dicke Menschen, aber in Bus oder Bahn sieht das schon wieder anders aus. Beim Sport, in der Disco, im Urlaub, im Schwimmbad, im Kino, im Restaurant und dergleichen scheinen übergewichtige Menschen unterrepräsentiert. (→ Ist das alles für dich? – Von der Angst, in der Öffentlichkeit zu essen)

Wie Übergewicht im öffentlichen Raum wahrgenommen wird

Ein Grund dafür mag sein, wie Übergewicht im öffentlichen Raum wahrgenommen wird, das heißt, wie die Gesellschaft mit dicken Menschen in ihrer Mitte umgeht. Dicksein wird hierbei meist mit Negativem assoziiert ("Adipositasstigma"). Dicke werden als faul, ungepflegt und hässlich abgestempelt; sie sind aufgrund ihrer bloßen Erscheinung Beleidigungen ausgesetzt (→ Hau ab, du fette Sau! (Fat-Shaming)). Vorurteile gegenüber dicken Menschen scheinen tief in der Gesellschaft verankert.

Obwohl die Adipositasforschung zeigt, dass Übergewicht mannigfaltige Ursachen haben kann und nicht auf einer Willensschwäche beruht (→ Warum werden wir dick?), sind viele Menschen der Überzeugung, Dicke seien selbst an ihrem Übergewicht schuld. Dies wird scheinbar als Rechtfertigungsgrund genutzt, sie respektlos(er) zu behandeln. Darüber hinaus kommen Übergewichtige im öffentlichen Medienraum, der unsere vermeintliche "Normalität" diktiert, nicht vor: Sie sind weder auf Reklametafeln noch im Fernsehen zu sehen - höchstens als "Vorher" in der Diätwerbung oder von hinten und gesichtslos in Beiträgen über Übergewicht.

Zwar wird von Übergewichtigen verlangt, "etwas aus sich zu machen" und Sport zu treiben, doch wenn sie es tun, sind sie schnell abwertenden Blicken oder Schlimmerem ausgesetzt (→ 10 Gründe, Sport zu treiben (die nicht abnehmen sind)). Dicke Menschen sollen sich der vermeintlichen Norm der Schlanken anpassen (= Abnehmen). Wenn sie das nicht können oder wollen, sind sie im öffentlichen Raum geächtet und zur Unsichtbarkeit verdammt. Den Menschen, die am meisten Raum einnehmen, wird am wenigsten davon zugestanden. Soziale Abwertung und Ausgrenzung sowie Stigmatisierung führen dazu, dass Übergewichtige den öffentlichen Raum als feindlich wahrnehmen und letztlich oft meiden.

Psychosoziale Folgen von Übergewicht

Eine Studie der Universität Leipzig kommt zu dem Ergebnis, dass Übergewichtige die gängigen Vorurteile übernehmen. Dicke Menschen halten sich selbst also für faul, disziplinlos und schuld an ihrem Übergewicht, das grundsätzlich negativ bewertet wird. Je höher der BMI, desto stärker die Selbststigmatisierung (vor allem bei Frauen), fand die Studie heraus.

Sie zeigt zudem, dass die Abwertung von allen Seiten zu einem Verlust von Selbstvertrauen führt, was wiederum eine Gewichtszunahme begünstigen kann. Gleichzeitig steigt das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depression und Angststörungen. Die Forscher schlussfolgern, dass die psychosozialen Folgen von Übergewicht in erster Linie therapeutischer Hilfe nötig machen - keine Diät.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch für Dicke. | Zitat | Body Positivity und Selbstliebe | Marshmallow Mädchen

Angst vor der Öffentlichkeit bei Übergewicht

Viele dicke Frauen berichten mir, dass sie Angst haben, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Einerseits fürchten sie, nicht in einen Sitz zu passen oder im Bus den Gang zu blockieren. Die weit größere Angst ist jedoch, wie ihr Umfeld auf diese "Unangepasstheit" reagiert, dass sie ausgelacht, beleidigt und abgewertet werden könnten.

Auch aus eigener Erfahrung kann ich diese Forschungsergebnisse aus Leipzig bestätigen. Ich habe massiv unter Depressionen und einer Sozialphobie gelitten, die mich letztlich so sehr einschränkten, dass ich kaum noch vor die Tür ging. Psychische Erkrankungen haben natürlich multifaktorielle Ursachen, doch lange Zeit war ich der Überzeugung, all meine Ängste würden sich in Luft auflösen, wenn ich nur abnehmen könnte - ist schließlich alles nur eine Sache des Willens!

Aber zwanghaftes Abnehmen hat mich - nach einer Phase der Euphorie - nur unglücklicher und essgestörter gemacht. Eine erneute Zunahme - die "Rückfallquote" liegt bei 78 Prozent - hat zu noch mehr Selbsthass geführt. Schlussendlich war es eine psychologische Betreuung, die mir eine neue Bewertung meines Lebens ermöglicht hat - und das ganz ohne Diät und Gewichtsabnahme. Mehr von meiner Geschichte kannst du hier lesen: → Wie ich lernte, dick und selbstbewusst zu sein

Wie du dich mit Übergewicht im öffentlichen Raum wohlfühlst

Die Fakten klingen erst einmal wenig ermutigend: Der öffentliche Raum will keine Dicken. Doch Übergewichtige machen die Hälfte der Gesellschaft aus. Wir sind ein Faktor, mit dem man rechnen muss. Dabei sollte es vollkommen egal sein, wie dick du bist, ob du gesund oder krank bist oder ob andere dich schön finden. Die Würde des Menschen ist unantastbar - das gilt auch für Dicke. Dein Wert als Mensch und dein Selbstwert sollten niemals Verhandlungssache sein.

Je mehr Dicke sich in den öffentlichen Raum trauen, desto wohler fühlen sich andere Menschen, die Probleme mit ihrem Körperbild haben, und desto normaler wird die Sichtbarkeit von Übergewichtigen im öffentlichen Raum für alle (Mere-Exposure-Effekt). Body Positivity ist hier sowohl Konzept als auch eine Bewegung, um verschiedenste Körperformen in der Gesellschaft sichtbar zu machen (→ Was ist Body Positivity?).

Für dich kann das heißen: Beginne nicht bei der Diät, schiebe nicht alles auf eine Zeit, wenn du schlank bist (→ Warte nicht auf schlanke Zeiten). Geh jetzt raus, tu jetzt die Dinge, die dir Freude bereiten! Wenn der Gedanke, dich in den "feindlichen" öffentlichen Raum zu begeben, Angst macht, dann beginne damit, dein Selbstwertgefühl sowie dein Selbstbewusstsein aufzubauen. Marshmallow Mädchen kann dich dabei begleiten mit zahlreichen Hilfestellungen, um dein Selbstbewusstsein zu stärken, sowie dem → kostenlosen Selbstbewusstseinsbooster. Eine Psychotherapie ist sinnvoll, wenn du Depressionen, Angststörungen oder andere psychische Erkrankungen überwinden willst.

Wie wohl fühlst du dich mit Übergewicht in der Öffentlichkeit? Was macht dir im öffentlichen Raum Angst? Diskutier mit ↓

Titelfoto: Representation Matters

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2 Comments on “Wo sind all die Dicken hin? | Übergewicht im öffentlichen Raum

  1. Hallo 🙂
    Ja, wo sind die Dicken …
    Zuhause.
    Hier im geschützten Raum, da fühle ich mich am wohlsten.
    Ich bin selbstständig und brauche das Haus eigentlich gar nicht mehr verlassen und das mache ich auch
    so gut wie gar nicht mehr. Essen lasse ich mir liefern (Rewe, Edeka, andere Onlineangebote) und anderes
    geht über andere Onlineshops (Bürokram, Handtücher, Klopapier etc.).
    Früher, vor etwa 10 Jahren, war ich ständig unterwegs. Damals wog ich zwischen 100 und 120 Kg. Ich bin
    mit Bus und Bahn gefahren, durch die Stadt gelaufen -> weil ich es musste. Aber es war eine Qual.
    Ich ging auch Schwimmen, ins Studio und … ja, es war schlimm. Wie entsetzt die vielen Menschen geschaut haben,
    als die dicke tatsächlich Sport getrieben hat. Schrecklich. Gelacht haben sie und mich nachgeäfft.
    Aber ich habe es ignoriert. Bis zu dem Tag, als eine ganze Gruppe auf mich zuging und sich lustig machte. Das
    war im Fitnesstudio, nachdem ich 3 Stunden gepowert habe und sie sich amüsiert haben, wie verschwitzt ich bin.
    Auf dem Weg ins Studio kam ich an ein paar alten Omis vorbei die Kuchen in einem Cafe aßen. Eine ließ erschrocken
    die Gabel fallen als sie ausstieß: „Mein Gott, wie kann man nur so jung und schon so fett sein?“ Nicht sehr ermutigend,
    wenn man gerade ZUM Sport geht.
    Machen die das auch bei anderen Menschen?
    Mein Gott wie kann man nur so jung und …
    – im Rollstuhl sitzen
    – blonde Haare haben
    – eine Brille tragen
    ???
    Fett sein steht nunmal für Faulheit. Auch wenn ich immer viel gearbeitet habe, teils 2 Jobs hatte, so
    war ich immer die dumme, faule die nichts konnte. Die schlanken Frauen bekamen bessere Aufgaben,
    ich musste am Ende retten was zu retten war. Wenn ein Kollege eine Frage hatte und ich wusste die
    Antwort, hat er sich immerzu noch rückversichert. Die Dicke konnte ja nicht recht behalten.
    Das Tag für Tag zu erleben ist der pure Horror.
    In der Öffentlichkeit Essen? Vergiss es. Nur wenn eine Pizzaria mal ganz leer war, habe ich mir etwas geholt,
    wenn ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Diese Besuche kann ich an einer Hand abzählen
    und ich habe die 30 längst hinter mir gelassen.
    Wenn ich doch mal in den Supermarkt gehe, weil das Wetter schön ist und der Supermarkt leer, dann gibt es
    eigentlich nur zwei Arten von Reaktionen: Entweder die Leute sind geschockt, wenn ich nur gesundes wie
    Gemüse, Salat und Co auf dem Band liegen habe, oder sie sind geschockt, wenn sie dazwischen auch mal
    etwas ungesundes wie Schokolade oder Fertigfutter finden. Man kann es einfach niemandem recht machen.
    Schlimm sind auch diejenigen, die hinter einem stehen und sich die Nase zuhalten, noch bevor sie in
    riechweite sind.
    Kino? Nein, niemals. Da kann ich nicht reingehen.
    Wieder zum Sport? Vergiss es. Ich habe Geräte Zuhause.
    Disco? Cafe? Restaurant? Ich war nur sehr selten mal in einem Cafe oder Restaurant. In eine Disco kam ich
    nie rein. Angeblich war sie immer voll … wenn meine Freundinnen 5 Min später alleine rein wollten, durften sie
    natürlich rein. Aber ne dicke mit 80-100 Kg zu meinen besseren Zeiten (auf 1.70 wohlgemerkt)? Nein. Keine
    Chance. Egal wo. Damals lief sogar eine Wette von meinen Mädels und mir, dass sie mich schon irgendwo reinkriegen.
    Ich habe gewonnen. Niemand lies mich rein – und ich sah super aus. Tolle Haare, schöne Kleidung, perfekt gestyled!
    Einmal schleifte mich eine Freundin in einen Mecces. Schlank natürlich. Ich stand schweigend neben der Kasse und
    hätte fast geheult. Danach saß ich schweigend am Tisch während sie aß. Alle haben mich angestarrt und gelacht, obwohl
    Ich NICHTS bestellt hatte und einfach nur dasaß. Vor allem die jungen Leute haben laut gelacht ala: „Jetzt lassen sie schon
    das Schlachtvieh hier sitzen!“
    Als Dicke ist man nicht mehr Menschlich. Dicke Männer sind lustig, knuddelig … aber dicke Frauen?
    „Warum spielen dicke Frauen über 30 nicht gerne verstecken? Weil sie niemand sucht.“ Als mir dieser Witz erzählt wurde
    habe ich Tagelang nur noch geheult.
    Ob ich gerne schlank sein möchte? Ganz ehrlich? Vor 5 Jahren oder 10 Jahren hätte ich JA geschrien aber heute …
    Es ist egal. Es ist einfach egal ob ich jetzt plötzich schlank wäre oder nicht, es würde nichts an meinem Leben ändern.
    Als junges Mädchen war ich schlank, doch es war schlimm mit dem Magerwahn. Alle wollten NOCH dünner sein, die Rippen
    sehen, in größe 34 passen. Ich hatte als Mädchen mit 1.60 nur etwa 45 Kg und Hosengröße 36. Da war ich schon die Fette,
    weil ich nicht in eine 32 oder 34 passte.
    Hätte man damals auf mich aufgepasst .. hätte man mir als Kind geholfen, wäre ich sicher nie so dick geworden.
    Ich esse nicht viel. Ich esse sogar zu wenig. Aber ich esse das Falsche und ich bewege mich eigentlich gar nicht.
    Würde man mir einen Schrittzähler ans Bein machen käme ich binnen 24 Stunden vielleicht auf 100m.
    Bett – Bad – Couch – Schreibtisch – Küche – Bett.
    Heute habe ich eine Schale Salat (Blattsalat, Pflücksalat, Möhrenstreifen, Tomaten) gegessen, etwa 250g.
    Getrunken 2L Wasser.
    Gestern gabs nichts. Morgen koche ich vielleicht etwas.
    Ich hasse Essen. Ich bestrafe mich selbst. Ich hasse es dick zu sein, weil mich niemand so sieht wie ich wirklich bin
    oder wirklich sein könnte. Ich bin eine Gefangene in meinem Körper und für mich ist es zu spät. Aber ich würde gerne
    anderen helfen. Kindern. Ihnen sagen, dass sie Sport machen sollen, sich gesund ernähren sollen! Es ist so wichtig
    gesund zu Essen. Für den Körper, die Psyche, die Gesundheit. Nicht um anderen zu gefallen, sondern um seinem
    Körper etwas gutes zu tun. Für die eigene Seelengesundheit. Um sich bewegen zu können. Um in ein Flugzeug zu steigen
    oder in Restaurants zu gehen.
    Um am Leben teilzunehmen.
    Dick zu sein bedeutet gefangen zu sein.
    Gefangen ohne Rückfahrtschein.

    1. Liebe Lena,
      vielen lieben Dank, dass du so schonungslos und offen Einblick in dein Leben und deine Gedanken gewährst! Ich kann alles, was du erzählst, nachvollziehen.
      Es gibt vermutlich nichts, das ich sagen kann, was du nicht schon weißt. Aber was ich da lese, beinhaltet so viel Leid und Nicht-Leben. Das macht mich sehr traurig und betroffen.
      Das Leben kann durchaus sehr schwierig sein, wenn man dick ist. Aber deshalb musst du das Leben nicht aufgeben. Bei dir sitzen Erfahrungen sehr tief, sodass du das ganze Leben, das ja OFFENSICHTLICH in dir steckt, nicht ausleben kannst. Aber man sieht doch sehr deutlich, dass in dir etwas ist, was das Leben genießen und Erfahrungen austauschen möchte. Ich wünsche mir für dich, dass du diesen Teilen mehr Platz in deinem Leben einräumen kannst. Es ist nämlich keinesfalls zu spät für dich!
      Schau mal hier Wenn du deinen Körper nicht lieben kannst
      Alles Liebe
      Kathrin | Marshmallow Mädchen

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