Warum werden wir dick?


Gesundes Leben

Warum werden wir dick? Die Zeiten, in denen die Antwort darauf - zu viel Essen, zu wenig Bewegung - einfach gewesen ist, sind vorbei. Die Wissenschaft ist sich heute einig, dass Übergewicht zahlreiche Ursachen hat. Welche das aber genau sind, das ist umstritten. Jedoch kristallisiert sich heraus, dass wir mit Übergewicht bisher vollkommen falsch umgegangen sind. Marshmallow Mädchen stellt euch den aktuellen Stand der Übergewichtsforschung vor.

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Die Zahl der Übergewichtigen, der Diagnose Adipositas steigt. In Deutschland gilt mittlerweile jeder fünfte als adipös. Doch während einige Menschen stets schlank bleiben, nehmen andere schon zu, wenn sie nur einen Kuchen ansehen. Andere haben ihr Leben lang Normalgewicht und legen dann plötzlich zu. Und wieder andere nehmen zu, bleiben aber plötzlich ohne Änderung ihrer Gewohnheiten bei einem bestimmten Gewicht stehen.

Welche Rolle spielen die Gene bei Übergewicht?

Dies deutet bereits darauf hin, dass die Ursache des Übergewichts nicht alleine auf die Ernährung zurückzuführen ist. Auch dass die Genetik eine große Rolle dabei spielt, ob uns die Neigung zum Übergewicht in die Wiege gelegt wird, ist mittlerweile bewiesen. Jedoch weiß man noch nicht, wie groß der Anteil ist, den die Gene bei der Entwicklung von Körperfett tragen. Erste Zahlen zeigen aber zum Beispiel: Ist ein Elternteil dick, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind übergewichtig wird, bei 40 Prozent, bei zwei dicken Elternteilen bei 80 Prozent.

Bisher wurden bereits über 50 Genorte gefunden, die unsere Neigung zum Dicksein oder Schlankbleiben mitsteuern. Wie genau sie das machen: unbekannt. Jedoch zeigt sich vermehrt, dass die Gene ihre Wirkung vor allem im Gehirn entfalten. Hier werden Hunger, Sättigungsgefühl, Appetit und unsere Emotionen gesteuert.

Stress als Ursache von Übergewicht

Wächst man in einem "dicken Haushalt" auf, kann natürlich nicht nur die genetische Disposition beeinflusst sein, sondern auch die Lebensumstände, etwa den Umgang mit Essen oder Gefühlen. Die aktuelle Forschung geht mittlerweile neben genetischen Faktoren vor allem von psychosozialen und neurobiologischen Ursachen von Übergewicht aus.

So rückt vor allem Dauerstress in den Fokus der Untersuchungen. Hierbei handelt es sich nicht um kurzfristigen Stress oder solchen, der uns zu Höchstleistungen anspornt, sondern um Situationen, die ausweglos erscheinen und uns deshalb ständig mit Stress belasten: Arbeitslosigkeit, Beziehungsprobleme, Versagens- und Existenzängste.

Ansatzpunkt ist zum Beispiel die Selfish-Brain-Theorie. Demnach ist es nicht der Körper, der nach Energie verlangt, sondern das Gehirn, das vor allem bei Stress einen höheren Bedarf hat. Das Gehirn ist generell das Organ im Körper, das am meisten Energie verbraucht. Wenn wir essen, essen wir also hauptsächlich für das Gehirn.

Studien zeigen aber auch, dass dicke Menschen stressresistenter sind; die physiologischen Stressreaktionen fallen bei ihnen geringer aus als bei Schlanken. Vielleicht ist das Dicksein also auch eine Anpassung an unsere stark leistungsorientierte Welt, die uns zunehmend überfordert.

Adipositas ist eine Suchtkrankheit

Dass es vor allem das Gehirn ist, das uns Fragen zur Entstehung von Übergewicht beantworten kann, bestätigen auch Untersuchungen im MRT. Dort hat sich gezeigt, dass sich die Belohnungs- und Frustzentren bei Übergewichtigen ähnlich wie jene von Drogensüchtigen verhalten.

Beim Essen werden die Regionen im Gehirn aktiv, die auch beim Sex oder Konsum von Drogen das Glücksgefühl auslösen. Mit der Zeit scheinen sich die Andockstellen für den "Glücksbotenstoff" Dopamin bei Übergewichtigen zu verringern. Um also ein gleiches Level an Glücksgefühl zu erreichen, muss mit der Zeit Essen mehr und öfter konsumiert werden. Das erklärt auch, warum die meisten Diäten scheitern: gegen einen Suchtmechanismus im Hirn ist bloßer Wille machtlos.

Auch hat sich gezeigt, dass das Gehirn von Übergewichtigen anders tickt, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. So haben vor allem übergewichtige Frauen in Studien Schwierigkeiten damit gezeigt, langfristig zu planen und ihre Strategien an Situationen anzupassen. Dies könnte zum Beispiel auch eine Erklärung für (ungesunde) Spontanentscheidungen beim Essen sein.

Warum sind einige Dicke krank und andere nicht?

Auch dem Mythos, dass Übergewicht gleich Krankheit ist, sind die Forscher auf der Spur. So hat sich gezeigt, dass mitnichten alle Übergewichtigen krank sind. Bis zu einem BMI von 35 ist die Sterberate nicht höher als bei Normalgewichtigen. Vielmehr sind sogar schützende Funktionen festgestellt worden. Neben der angesprochenen Stressresistenz erholen sich Übergewichtige zum Beispiel schneller von Herz- und Schlaganfällen.

Die sogenannten "Happy Obese" haben zwar Übergewicht, aber keinerlei damit assoziierte Krankheiten wie erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck oder Diabetes. Bei kranken Dicken finden sich im Fett oft Entzündungsherde, die die Happy Obese nicht haben. Gesunde Dicken verfügen über Genvarianten, die auch bei gesunden Schlanken vorkommen.

Wir müssen Übergewicht neu bewerten

Wir haben bisher nur vielversprechende Ansatzpunkte, um zu entschlüsseln, was die Ursachen von Übergewicht sind, aber im Laufe der Forschungen wurden viele alte Überzeugungen bezüglich Übergewicht widerlegt. In der Wissenschaft hat bereits ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der hoffentlich auch bald in den Arztpraxen ankommt: Dicke sind nicht einfach nur faul, gefräßig und disziplinlos. Vielmehr wird das Körpergewicht durch eine genetische Disposition und die Lebensumstände geregelt.

Übergewicht wird bis heute also vollkommen falsch behandelt. Der Hinweis "Iss doch einfach mal weniger" oder auch Diäten können die vielschichtigen Ursachen von Übergewicht nicht überwinden, vor allem wenn es sich bewahrheiten sollte, dass "Fresssucht" eben genau das ist: eine Sucht.

Darüber hinaus muss Übergewicht vollkommen neu bewertet werden. Müssen gesunde Übergewichtige vielleicht gar nicht behandelt werden? Unsere Überzeugungen, was ein normales und gesundes Gewicht ist, halten der wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Ob jemand krank oder gesund ist, kann man nicht an seinem Körpergewicht ablesen, auch nicht, wie aktiv oder erfolgreich er ist.

Titelfoto: Foodiesfeed (CC0)

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